Macht Sudoku wirklich schlau? Was hinter Gehirnjogging steckt
Auf Rätselheften steht gern „hält den Kopf fit". Apps versprechen, das Gedächtnis zu verbessern. Und viele Menschen lösen jeden Morgen ein Sudoku in der festen Überzeugung, damit etwas Wichtiges für ihr Gehirn zu tun.
Die Sache ist komplizierter — und interessanter — als beide Lager behaupten. Weder ist Gehirnjogging ein Wundermittel, noch ist es sinnlos.
Der Transfer-Effekt, und warum er das ganze Thema entscheidet
Wer täglich Sudoku löst, wird beim Sudoku besser. Das ist unstrittig und leicht zu messen. Die spannende Frage ist eine andere: Wird man dadurch auch in Dingen besser, die kein Sudoku sind? Merkt man sich Einkaufslisten besser? Behält man Namen? Denkt man im Beruf klarer?
Fachleute nennen das Transfer. Naher Transfer heißt: die Verbesserung überträgt sich auf sehr ähnliche Aufgaben. Ferner Transfer heißt: sie überträgt sich auf den Alltag.
Der Stand der Forschung lässt sich grob so zusammenfassen: naher Transfer lässt sich meistens zeigen, ferner Transfer kaum. Übersichtsarbeiten, die viele Einzelstudien zusammenfassen, kommen überwiegend zu dem Schluss, dass sich Trainingsgewinne selten auf allgemeine geistige Leistungsfähigkeit oder auf den Alltag übertragen lassen.
Warum die Werbung trotzdem so überzeugend klingt
Drei Gründe stecken dahinter, und alle drei sind menschlich verständlich.
Man spürt den Fortschritt. Nach vier Wochen löst man dasselbe Rätsel in der halben Zeit. Dieses Gefühl ist echt — nur misst es die Übung in einer bestimmten Aufgabe, nicht den Zustand des Gehirns.
Die Studienlage ist unübersichtlich. Es gibt einzelne Untersuchungen mit positiven Ergebnissen, und die stehen dann in der Werbung. Was nicht in der Werbung steht, sind die Studien ohne Effekt — und die sind zahlreicher.
Wer rätselt, unterscheidet sich ohnehin. Menschen, die im Alter viel lesen, rätseln und Neues lernen, sind im Schnitt geistig fitter. Daraus folgt aber nicht, dass das Rätseln die Ursache ist. Es kann genauso gut sein, dass geistig fitte Menschen eher zum Rätsel greifen. Zusammenhang ist nicht Ursache — das ist der häufigste Denkfehler in diesem ganzen Themenfeld.
Was nach heutigem Stand tatsächlich hilft
Das Ernüchternde daran ist, dass die Antworten unspektakulär sind und sich nicht als App verkaufen lassen:
- Bewegung. Ausdauerbewegung ist der am besten belegte Einzelfaktor für die geistige Fitness im Alter. Ein Spaziergang ist kein Gehirntraining — er ist besser als eines.
- Schlaf. Während des Schlafs wird gefestigt, was am Tag gelernt wurde. Wer dauerhaft zu wenig schläft, verliert mehr, als jedes Training zurückholen kann.
- Soziale Kontakte. Ein Gespräch ist geistig anspruchsvoller als jedes Rätsel — man muss zuhören, deuten, sich erinnern und gleichzeitig antworten.
- Etwas wirklich Neues lernen. Eine Sprache, ein Instrument, ein Handwerk. Nicht dieselbe Aufgabe schneller, sondern eine Aufgabe, die man noch nicht kann.
Der letzte Punkt ist der interessanteste. Der Unterschied zwischen dem tausendsten Sudoku und der ersten Woche einer neuen Sprache ist nicht der Schwierigkeitsgrad, sondern die Neuheit. Etwas zu üben, das man schon kann, fühlt sich gut an. Etwas zu lernen, das man nicht kann, fühlt sich unangenehm an — und ist vermutlich das, was zählt.
Warum wir hier trotzdem Rätsel anbieten
Weil geistige Leistungsfähigkeit nicht der einzige Grund ist, etwas zu tun.
Ein Sudoku am Abend ist eine ruhige, konzentrierte Viertelstunde ohne Benachrichtigungen. Ein Rätsel zu lösen fühlt sich besser an als zwanzig Minuten durch einen Feed zu scrollen, und danach ist man ruhiger statt gereizter. Das ist ein vollkommen ausreichender Grund — er braucht kein Versprechen über Demenz, um zu gelten.
Und ehrlich: „Das macht Spaß und beruhigt" ist eine bessere Begründung als eine, die man später zurücknehmen muss.
Woran man ein unseriöses Versprechen erkennt
- Es nennt eine konkrete Zahl ohne Quelle — „steigert die Gedächtnisleistung um 37 Prozent".
- Es verspricht Schutz vor einer Krankheit. Für Demenzprävention durch Denkspiele gibt es keine belastbare Grundlage.
- Es verkauft ein Abonnement für etwas, das ein Rätselheft für zwei Euro genauso leistet.
- Es sagt „wissenschaftlich entwickelt", ohne zu sagen, was untersucht wurde und mit welchem Ergebnis.
Häufige Fragen
Schadet Gehirnjogging denn?
Nein. Der einzige Schaden entsteht, wenn jemand Geld für ein Abo ausgibt oder Bewegung und Schlaf vernachlässigt, weil er glaubt, mit der App schon genug getan zu haben.
Ist Sudoku besser als Minesweeper?
Für die geistige Fitness gibt es keinen belegten Unterschied. Nimm das, was dir Freude macht — das ist das einzige, was darüber entscheidet, ob du es in einem Monat noch tust.
Was ist mit Kindern?
Bei Kindern ist die Lage anders, weil bei ihnen fast alles neu ist und deshalb echtes Lernen stattfindet. Ein Kind, das Sudoku lernt, lernt tatsächlich etwas Neues — ein Erwachsener beim tausendsten Rätsel wiederholt.
Und wenn ich mich einfach gern konzentriere?
Dann ist das Grund genug. Konzentration am Stück ist selten geworden, und eine Viertelstunde davon zu üben hat einen Wert, ganz unabhängig davon, was Studien zum Transfer sagen.
Zum Weiterlesen und Spielen
Wenn du wirklich etwas Neues lernen willst statt etwas Bekanntes zu wiederholen: Sprachen sind der naheliegendste Kandidat, weil sie sich in kleinen Portionen üben lassen und im Alltag sofort nützlich sind.